Architekt des Unsichtbaren

 

Der Japaner Yasuhisa Toyota ist verantwortlich für die Akustik weltbekannter Konzertsäle. Sein Ziel: das perfekte Klangerlebnis für jeden Konzertbesucher. Die Halle im polnischen Kattowitz zählt dank Toyota zu den besten in ganz Europa. 

Fotos: Konior Studio

 

 

Das Erfolgsgeheimnis von Polens modernster Konzerthalle sind 1800 Miniaturpuppen in Filzmäntelchen und Mützchen. Sie sitzen auf Miniatursesseln und lauschen einer Sinfonie, deren Klänge für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar sind. Die stummen Testhörer sind Teil eines Modells im Maßstab 1:10, mit dem die Techniker von Nagata Acoustics den Klang in modernen Konzerthallen designen. Ihre Arbeit hat die NOSPR-Halle in Kattowitz zu einer der besten in Europa gemacht. Sie ist seit 2014 die Heimat des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks und begeistert Musiker und Besucher gleichermaßen. 

 

 

Der Kopf hinter dieser Klangwelt ist Yasuhisa Toyota, Chef des amerikanischen Büros von Nagata Acoustics. Der Japaner ist ein Mann von kleiner Statur und großer Vorstellungskraft. Auf sein Konto geht die Akustik berühmter Säle wie der Walt Disney Concert Hall, des Konzerthauses Kopenhagen und der im kommenden Jahr eröffnenden Elbphilharmonie. 

„Raumform und Material sind die entscheidenden Faktoren beim akustischen Design“, sagt Toyota. Sie beeinflussen, wie sich der Klang verteilt, wo er abprallt und wie reich er klingt. Ihm geht es beim Akustik-Design von Konzerthallen um eine Intimität zwischen den Musikern und den Konzertbesuchern. Deshalb ist er großer Fan des Weinberg-Entwurfs: dabei wird die Bühne im Zentrum des Saals platziert und das Publikum um das Orchester herum. Die Musiker fühlen sich stärker beobachtet und empfinden mehr Druck, gut zu performen. Konzertbesucher sehen und hören die Musiker spielen und erleben die Reaktion von Gästen auf der anderen Seite des Saals. So entsteht das Gefühl eines gemeinsamen und doch intimen Konzerterlebnisses. 

 


Für Akustikdesign gibt es keine Anleitung

 

Weil die Halle in Kattowitz für diesen Entwurf nicht genügend Platz bot, planten die Architekten des polnischen Büros Konior Studio mit dem traditionellen Schuhschachtel-Design, das sich in alten Hallen wie dem Musikverein Wien oder der Symphony Hall in Boston bewährt hat: Ein rechteckiger Saal, in dem das Publikum auf dem Parkett und den Balkonen direkt vor der Bühne platziert ist. Während sich der Klang in einem Saal dieser Form optimal entfalten kann, hält das Design die Konzertbesucher in gewisser Weise auf Distanz: Je weiter entfernt man von der Bühne sitzt, desto mehr Hinterköpfe erschweren es dem Besucher, sich auf die Musiker zu fokussieren. „Yasuhisa Toyota überzeugte uns, einen mutigeren und herausfordernderen Ansatz zu verfolgen“, sagt Aleksander Nowacki, Architekt bei Konior Studio. Die fertige Halle vereint Elemente beider Formate: „Die Bühne ist  - typisch für den Weinberg-Stil - umgeben von einer Anordnung aus Terrassen und zwei Balkonen, die dem Schuhschachtel-Konzept entlehnt sind“, so der Architekt. 

 

Eine Entscheidung, bei der die Architekten auf die Erfahrung des Japaners vertrauten. Toyota, geboren 1952 in Fukuyama, studierte Akustikdesign an der Kyushu Universität in Japan. Dort lernte er die wissenschaftlichen Grundlagen von Musik: Nachhallzeit, Absorption und Schalltransmission in Gebäuden. Wie sich der Klang in Konzertsälen verhält, wurde an der Universität nicht gelehrt – die Anleitung dafür steht in keinem Lehrbuch. Diesen Teil müssen Akustik-Designer in der Praxis lernen. Das erklärt Klang-Desaster wie in der Lincoln Hall in New York oder im Münchner Gasteig, den Leonard Bernstein mit den Worten „Burn it“ verfluchte. Toyota stellte sein Talent 1986 bei seinem ersten großen Auftrag, der Suntory Hall in Tokio, unter Beweis. Bei der Arbeit an der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles entwickelte sein Büro die Software, mit der das Team die Messungen an den Miniaturmodellen durchführt. 

Das Modell ist luftdicht versiegelt und mit Nitrogen gefüllt. Jedes Detail der echten Halle wird im Maßstab 1:10 nachgebaut: Wände, Sitze und Bühne, bewegliche Akustikelemente und das Kanapee. Die Puppen tragen Filz, um den schallschluckenden Effekt von Kleidung und Haaren nachzuempfinden. Um die Töne dem Maßstab anzupassen, werden sie mehrere Oktaven über den eigentlichen Tönen einer Sinfonie ausgegeben. Sie werden an mehreren Stellen im Modell aufgenommen und am Computer wieder heruntergerechnet, um den echten Klang zu ermitteln. 

Ein riskanter Hybrid zweier Entwürfe

 

Für das Design der Halle in Kattowitz waren die Tests enorm wichtig: Die Hybridlösung aus Schuhschachtel- und Weinberg-Design ist in ihrer Form einmalig und damit riskant. Acht Monate dauerte es, bis das Miniaturmodell der NOSPR-Halle mit allen Details fertiggestellt war. Die kleinste Konzerthalle Polens wiegt 4,5 Tonnen.

Akustiker und Architekten arbeiteten von Anfang an eng zusammen. „Die akustischen Voraussetzungen waren äußerst wichtig für unsere architektonischen Entscheidungen“, sagt Nowacki. Optik und Akustik beeinflussen sich gegenseitig – zum Beispiel im Fall der Wände. Für den optimalen Klang müssen sie aus einem schweren und massiven Material sein und über eine spezielle Oberflächenstruktur verfügen, genannt Microshaping. Die Struktur hat klar definierte Dimensionen und Tiefen, die entscheidenen Einfluss darauf nehmen, wie der Klang gestreut wird und wie reich er von den Zuhörern empfunden wird. 

Normalerweise werden entsprechend geformte Elemente an die Betonwände angebracht. Die Technik ist kompliziert, weil die Elemente exakt mit der Wand verbunden werden müssen, um das richtige Gewicht und die richtige Struktur zu erzeugen. Das Team wollte eine alternative Lösung. „Die Idee, den Beton zu strukturieren, stammt von den Architekten und passte perfekt zu den akustischen Bedürfnissen“, erzählt Toyota. 


Brillante Akustik trifft majestätische Optik

 

Für die Realisierung wandte sich das Team an RECKLI. „Wir haben zunächst Mini-Matrizen für das Modell geliefert. Damit wurde getestet, wie die Akustikwellen von der Struktur abprallen“, erzählt Andrzej Wòjcik, der die RECKLI-Niederlassung in Polen leitet. In Gesprächen mit Toyota wurde klar, dass die Wände vor Ort gegossen werden sollten. „Die Struktur wurde in sieben Abschnitte unterteilt und fortlaufend angelegt, sodass die erste Matrize an die letzte Matrize anschließt und die Struktur weiterführt“, sagt Wòjcik. RECKLI lieferte zwei Sets, insgesamt 14 Matrizen. „Der erzielte Effekt ist spektakulär und die Wände sind einer der schönsten Teile des Gebäudes“, schwärmt Nowacki. Auch Toyota ist beeindruckt: „Die komplizierte und schöne Struktur, die RECKLI umgesetzt hat, hat großen Verdienst an der Akustik.“

Die NOSPR-Halle vereint brillante Akustik mit einmaliger Optik: Die schwarz glänzenden, strukturierten Wände, das scheinbar schwebende Kanapee, die beweglichen Akustikelemente in den Wänden, sowie Birken- und Zedernholz definieren den majestätischen Look der Halle. Der Saal ist komplett vom restlichen Gebäude entkoppelt und sitzt wie eine Box auf Schalldämpfern, die Vibrationen und externe Geräusche aus der Halle fernhalten. 

Das Äußere der NOSPR-Halle spiegelt ihren Nutzungszweck wider und greift zugleich die Geschichte der Stadt auf: Die Fassade wird dominiert von einer Reihe unterschiedlich breiter Säulen, die auf wechselnde Rhythmen in der Musik verweisen. Ihre rote Farbe ist eine Referenz an die Fassaden im benachbarten Bergarbeiterdistrikt Nikiszowiec. „Wir sind besonders glücklich darüber, dass Musiker und Besucher der Halle nicht nur ihre komfortablen Arbeitsbedingungen und ihren Klang genießen, sondern auch die Schönheit des Gebäudes als Ganzes“, sagt Nowacki. Umgeben ist das Konzerthaus von einem zwei Hektar großen Parkgelände mit einer tanzenden Fontäne und einem Labyrinth, das dem Stadtplan von Kattowitz in den 1920er Jahren nachempfunden ist. Die NOSPR-Halle ist das bisher größte Projekt des Büros Konior Studio und wurde im Einweihungsjahr zur besten kulturellen Einrichtung Polens gekürt. 

 

Fotos: © Daniel Rumiancew
Portrait Yasuhisa Toyota: © Nagata Acoustics

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