Das große Geschichts-Puzzle

 

Adler, Löwen, Posaunenengel und Kompositkapitelle: Die Berliner Schlossbauhütte ist Heimat unzähliger Figuren und Säulen. Hier, am Askanierring im Berliner Stadtteil Spandau, laufen die Fäden zusammen für ein Mammutprojekt: Die Rekonstruktion der historischen Fassade des Berliner Stadtschlosses. Dabei den Überblick zu behalten, scheint fast unmöglich. Berthold Just jedoch hat ihn: Der 53-jährige Leiter der Schlossbauhütte weiß, wo jeder Stein hingehört oder noch vorhandene historische Fragmente eingefügt werden müssen.

Fast 3.000 bildhauerische Objekte werden für die Rekonstruktion neu geschaffen. Der Wiederaufbau geht einher mit der Renaissance eines schon fast vergessenen Handwerksberufs: dem des Steinbildhauers. Nicht zu verwechseln mit einem Steinmetz, darauf legt Just wert. „Alle floralen, figürlichen oder skulpturalen Objekte schaffen die Steinbildhauer, architektonische Teile, wie Säulen, fertigen die Steinmetze“, erläutert er. 

 

 

Der Prozess verläuft in drei Schritten: Zunächst formt der Steinbildhauer ein Tonmodell.  „Das sind schnell ein paar Tonnen Ton, die immer feucht gehalten und jeden Tag abgedeckt werden müssen“, sagt Just. Alle drei Wochen wird das Tonmodell von einer Expertenkommission, die sich aus Kunsthistorikern und Denkmalpflegern zusammensetzt, begutachtet. Wenn es endgültig abgenommen wurde, fertigt der Steinbildhauer einen Silikonabguss davon. Mit ihm wird dann das Positiv in Gips gegossen. Aber die historische Fassade besteht, wie schon ihr Original, nicht aus Gips, sondern aus sächsischem und böhmischem Sandstein. Da hilft eine Methode, die bereits Jahrtausende alt ist: das Kopieren mit einem Punktiergerät. Der Steinbildhauer misst mit ihm einen Punkt am Gipsmodell und überträgt ihn auf den Sandstein. Schon im antiken Griechenland und Rom machten das die Bildhauer so.


Jedes Stück muss einzeln ausgeschrieben werden

Auch draußen vor der Schlossbauhütte sind die Bildhauer gerade am Werk und bearbeiten große Quader. Die Arbeitsgeräte liegen daneben aufgereiht: Bossier- und Zahneisen, Fäustel mit Holzgriffen und vieles mehr. Alles ist mit einer feinen Schicht aus Steinstaub bedeckt.

Da es sich um ein öffentliches Bauvorhaben handelt, muss jedes Stück extra ausgeschrieben werden. Außer Berthold Just ist niemand in der Schlossbauhütte fest angestellt. Die freiberuflichen Bildhauer bewerben sich immer wieder neu für jedes Objekt. Doch nicht alle Stücke wurden hier gefertigt. In ganz Deutschland arbeiten Handwerker seit Jahren an der Rekonstruktion der Fassade.

Einer von ihnen ist Andreas Hoferick. Seine Werkstatt liegt im Berliner Stadtteil Weißensee. Wer durch die Toreinfahrt in den Hinterhof tritt, trifft dort bereits auf die ersten Figuren. Doch erst, wenn man eine Plastikplane beiseite schiebt, steht man mitten im Geschehen. Acht Steinbildhauer aus sechs Nationen sind hier am Werk.


Bildhauerei ist wie die Aufführung eines Musikstücks

Andreas Hoferick und Berthold Just kennen sich seit vielen Jahren. Beide sind Meisterschüler des mittlerweile 86-jährigen Bildhauers Jürgen Klimes. Intensives Quellenstudium historischer Fotos, Filme und noch verbliebene Fragmente haben sie zu Experten ihres Fachs gemacht. „Wir sind auf preußischen Barock trainiert“, sagt Just. In nächster Nachbarschaft des zukünftigen Humboldt-Forums hat er schon zu DDR-Zeiten an Rekonstruktionen mitgearbeitet: am Zeughaus, am Gendarmenmarkt oder am heutigen Museum für Kommunikation. 

Als Kopien wollen sie ihre Arbeit nicht verstehen. Es geht vielmehr darum, Baumeister wie Andreas Schlüter, Johann Friedrich Eosander von Göthe oder Martin Heinrich Böhme nachzuempfinden. Dazu gehört die Kenntnis antiker Proportionslehren oder die Verwendung des Fußmaßes. „Die Bildhauerei kann man mit der Aufführung eines Musikstücks vergleichen. Es gibt verschiedene Interpretationen, aber man hält sich doch an jede Note. Man arbeitet beim Kopieren millimetergenau – und doch hat man beim Schaffen des Tonmodells einen Spielraum“, sagt Hoferick. 

Der Deutsche Bundestag beschloss 2002 den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Im Juni 2012 wurde mit den Bauarbeiten begonnen, ab September 2019 soll das Humboldt-Forum dort untergebracht werden. Die Kosten für den Bau des Gebäudes teilen sich der Bund und das Land Berlin. Das Geld für die Fassade jedoch soll vom Förderverein Berliner Schloss gesammelt werden, das war die Bedingung. Der Bund baut das Gebäude, für die Finanzierung der Fassade ist der Förderverein allein verantwortlich. 105 Millionen Euro soll sie kosten. Das ist viel Geld - doch die Spendensammlung entwickelte sich zur wahrscheinlich größten Crowdfunding-Aktion, die es je gab. Für Projekte in solcher Größenordnung wird sonst nur in der Digitalwelt gesammelt, etwa für Software oder die Entwicklung eines neuen Gadgets. Aber hier geht es um etwas anderes. Gesammelt wird für die Rekonstruktion einer historischen Fassade am Schloss der Hohenzollern.


Ein Stück Schloss für jedermann

 

Manche Kritiker halten das für rückwärtsgewandt, aber in den letzten Jahren hat der Förderverein bereits 57 Millionen Euro eingeworben. „Wir sind zuversichtlich, dass wir unser Ziel erreichen. Die Spendenaktion wird positiv wahrgenommen, genauso wie das Projekt. Wir arbeiten Hand in Hand mit der Bauherrin, der Stiftung Humboldt-Forum im Berliner Schloss“, sagt Gritt Ockert, die Sprecherin des Fördervereins. Doch neben dem Geld geht es beim Crowdfunding auch immer darum, die Menschen für eine Idee zu begeistern. Das macht Wilhelm von Boddien seit Jahrzehnten. Er ist die treibende Kraft hinter dem Projekt. Schon 1993 sorgte er mit einer Simulation der Hohenzollernresidenz auf dem Schlossplatz für Aufsehen. 

Heute soll sich jeder ein Stück Schloss leisten können: Der billigste Quader kostet 50 Euro, ein Adlerkapitell soviel wie ein Kleinwagen, ein komplettes Portal ist für rund vier Millionen Euro zu haben. Jeder Spender weiß genau, wo sich das Stück Fassade befindet, das er finanziert hat. Jeder von ihnen ist in einer Liste aufgeführt, vom Abiturjahrgang 1955 aus Kassel über Firmen und Organisationen bis zu Einzelpersonen aus Deutschland und der ganzen Welt. 

Insgesamt 9.000 Kubikmeter Sandstein werden in der Fassade verbaut. Aber wie werden die tonnenschweren Elemente sicher verankert? Just weiß es. „Sie werden untereinander aufwendig mit Edelstahl verstrickt und verspannt. Bei Andreas Schlüter wurden noch geschmiedeter Stahl und Eisen verwendet.“ Heute kommen auch moderne Maschinen wie Fräsen oder Scanner zum Einsatz. Ohne sie wäre es zeitlich unmöglich zu schaffen – und es würde den Kostenrahmen sprengen.

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