Der vergessene Tempel

 

Mit den „Textile Block Häusern“ in Kalifornien wollte Frank Lloyd Wright schroffen Beton als dekoratives Baumaterial für jedermann etablieren. Sein letzter Entwurf der Reihe, das Ennis Haus, ist ein architektonisches Prunkstück – und fristete dennoch jahrelang ein Schattendasein.

Erst als ein Erdbeben Teile der Fassade einstürzen ließ, erinnerten sich Architekturliebhaber an den Bau in den Hügeln über Los Angeles. Angelegt im Stil der Maya-Architektur, gebaut aus strukturierten Betonblöcken, zeugt das Ennis Haus von der Vision des großen amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright: Beton als vielfältiges Baumaterial zu etablieren.

 

 

Das Gebäude ist der letzte von vier Entwürfen, die Wright aus grafisch gestalteten Betonquadern errichten ließ. Für jedes der Häuser entwickelte er ein individuelles Design. 1923 entstanden das Millard Haus und das Storer Haus, 1924 folgte das Freeman Haus. Die Ennis-Residenz wurde Wrights Favorit. Ihren Namen verdanken die „Textile Block Häuser“ der Art, wie die Betonblöcke miteinander verbunden wurden: Ein Netz aus Stahlstäben wurde horizontal und vertikal durch die Blöcke gefädelt, um sie miteinander zu verbinden und in Position zu halten.

Für den Bau ausschließlich Beton zu wählen, war revolutionär: Der Baustoff war ein Novum; Stein und Holz waren Anfang der Zwanziger Jahre die Baumaterialien der Wahl. Auch Wright hatte kaum Erfahrung mit dem neuen Baustoff – was sich nach der Fertigstellung zeigen sollte.

 


Inspiriert von der Maya-Kultur

 

Wright sah mehrere Vorteile in der Verwendung von Beton: Er war eine günstige Alternative zu Stein und anders als Holz feuerfest. In Blöcke gepresst war Beton so einfach in der Handhabung, dass er auch von Laien eingesetzt werden konnte. Noch dazu war das Material formbar und bot damit unendliche Gestaltungsmöglichkeiten. „Warum sollte es nicht geeignet sein für eine neue Phase unserer modernen Architektur? Es könnte permanent, edel und schön sein“, schrieb der Architekt später. Wright war überzeugt: Beton ist ein Baumaterial mit Zukunft.

Den Auftrag für das Ennis Haus erhielt Wright vom Herrenausstatter Charles Ennis und seiner Frau Mabel. Weil das Ehepaar sich stark für die Maya-Kultur interessierte, wählte er eine Mäander-Form als Design für die Betonquader ihrer Residenz.

 

 

Wie ein verwunschener Tempel ragt der imposante Bau aus dem Hügel in Los Feliz bei Los Angeles. Auf 560 Quadratmeter verteilen sich drei Schlafzimmer, dreieinhalb Badezimmer, ein herrschaftlicher Wohn- und Essbereich, sowie Räume für das Personal. Die strukturierten Betonblöcke zieren sowohl die Fassade als auch den Innenbereich. Sie umrahmen den Kamin im Essbereich, akzentuieren einzelne Wände oder sind zu Säulen gestapelt. Die Ennis-Residenz gilt bis heute als beste moderne Interpretation der Maya-Architektur.

 


Betonquader von Hand gegossen

 

Das Design der „Textile Block Häuser“ zeugt auch von Wrights Entwicklung als Architekt. Bevor er 1922 nach Los Angeles kam, hatte er im mittleren Westen vor allem Prärie-Häuser entworfen. Die Anwesen sollten ihren Bewohnern Schatten und Kühle spenden, wirkten zuweilen allerdings etwas dunkel. Die vier Entwürfe in Los Angeles spielen hingegen mit natürlichem Licht. Die Atmosphäre im Ennis-Haus ändert sich mit jeder Stunde, die die Sonne über Deckenlichter und die von Wright entworfenen Fenster wandert. Eine Seite des Hauses offeriert die Aussicht auf die unberührten Hügel von Griffith Park, die andere Seite überblickt das stetig wachsende Los Angeles.

 

 

Der Bau kostete 300.000 Dollar, ein unschätzbares Vermögen Anfang der Zwanziger Jahre. Die Betonblöcke machten den Bau aufwändig und langwierig: jeder einzelne Quader wurde vor Ort gefertigt. Auf der Baustelle abgetragene Steine wurden zermahlen und dem Beton beigemischt, um ihn farblich an die umgebende Natur anzupassen. Der Beton wurde von Hand in vorgefertigte Schalungen gegossen, die das grafische Relief in die Oberfläche prägten. Jeder Quader maß 40 x 40 x 9 Zentimeter und musste zehn Tage trocknen, bevor er verbaut werden konnte. Zwischen 27.000 und 40.000 Blöcke soll Wright im Ennis-Haus verbaut haben. Obwohl in Design und Umsetzung revolutionär, litten die Textile-Block-Häuser unter baulichen Mängeln: Das beigemischte Gestein verunreinigte die Betonmischung und beeinträchtigte dessen Witterungsbeständigkeit. Der perforierte Beton, der Licht durch die Decke lassen sollte, stellte sich bei starken Regenfällen als undicht heraus. Während der Regenzeit müssen alle vier „Textile Block Häusern“ mit Planen abgedeckt werden.

 

Schäden durch Erdbeben und Regenfälle

 

Seinen Zeitgenossen wichen Wrights Entwürfe zu stark von der zeitgemäßen Bauweise ab. Frustriert verließ der Architekt Los Angeles nach zwei Jahren und eröffnete ein Büro in Phoenix, Arizona. In den Jahren danach gerieten die „Textile Block Häusern“ in Vergessenheit. Charles Ennis starb vier Jahre nach der Fertigstellung des Gebäudes. 1940 kaufte es der Radiomoderator John Nesbitt und engagierte Wright für einige Umbauten: auf der Nordseite wurde ein Pool angelegt, ein Zimmer des Personals wurde in einen Billardraum umgewandelt und erstmals wurde ein Heizsystem eingebaut. 1968 versuchte der mittlerweile achte Eigentümer Augustus Brown die bereits verwitternden Betonblöcke zu konservieren, indem er eine Schutzschicht aufbringen ließ. Doch der Film schloss Wasser im Inneren der Betonblöcke ein, die Stahlstäbe begannen zu rosten und verfärbten den Beton.

Obwohl schon 1971 zum Baudenkmal erklärt, begann man erst 1994 über die Erhaltung des Hauses nachzudenken, nachdem das Northridge Erdbeben Teile der Südwand des Hauses zum Einsturz gebracht hatte. Die kurz darauf gegründete Ennis Foundation brauchte zehn Jahre, um genügend Geld für die Reparatur aufzutreiben. Bis dahin hatten Rekord-Regenfälle im Jahr 2004 das Haus noch einmal schwer beschädigt.

Da der Verein die Restaurationskosten von über 10 Millionen Dollar nicht tragen konnte, stellt er die Ennis-Residenz 2009 für 15 Millionen Euro zum Verkauf. Wegen der Immobilienkrise blieb das Haus zwei Jahre auf dem Markt. 2011 kaufte der Milliardär und Philanthrop Ron Burkle das Haus für 4,5 Millionen Dollar und stieß die Restauration an. Sie soll 2017 abgeschlossen sein.

Foto: © Scot Zimmerman

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