Ein Blütenmeer an der Fassade

 

Im österreichischen Bregenz zieht das wiedereröffnete Vorarlberg Museum mit seiner einzigartigen Fassadengestaltung alle Blicke auf sich. Das Landesmuseum verwahrt alte und gegenwärtige Zeugnisse der örtlichen Kunst und Kultur. Um die Bestimmung des Gebäudes schon nach außen hin sichtbar zu machen, ließ Künstler Manfred Alois Mayr die Fassade sprichwörtlich erblühen. Die Inspiration dafür fand er bei einem Alltagsgegenstand.

Spaziergänger trauen ihren Augen nicht, seitdem der Neubau zur Museumserweiterung des Landesmuseum Bregenz im Sommer 2013 eröffnet wurde. Der Komplex in der Bregenzer Innenstadt wurde durch einen Anbau sowie einen fünfgeschossigen Neubau verdichtet und erweitert. Verschiedene Fassaden- und Oberflächenstrukturen machen die einzelnen Bauabschnitte deutlich. Die an Champagnerkreide erinnernde Farbgebung vereint alle Abschnitte zu einem großen Ganzen.

 

Die Eigenständigkeit des neuen Vorarlberg Museums war ein wichtiges Thema. Für die Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur-Sturm stand schnell fest, dass die neue Fassade das Licht- und Schattenspiel aufnehmen und fortführen sollte, das bereits den denkmalgeschützten Bestand prägt. Ein erster Entwurf sah vor, Schriften auf die Fassade aufzubringen. Dann kam den Planern der Gedanke, die bei öffentlichen Bauprojekten übliche Kunst am Bau nicht einfach neben dem Gebäude aufstellen zu lassen, sondern zu einem Teil von ihm zu machen. »Ziel war es, Kunst und Architektur zu vereinen und zusammen erlebbar zu machen«, sagt Stefan Abbrederis von Cukrowicz Nachbaur Architekten. So entstand die Idee, bei der Fassadengestaltung mit Künstlern zusammenzuarbeiten. Cukrowicz und Nachbaur-Sturm entschieden sich für Manfred Alois Mayr. Gemeinsam mit dem Südtiroler erarbeiteten sie ein ganz besonderes Betonrelief für die Hauptfassade des Neubaus.

Mayr nahm sich die Ausstellungsstücke des Vorarlberger Landesmuseums zum Vorbild, das eine große Zahl historischer Gefäße verwahrt und ausstellt. Die Trinkbecher und Schalen inspirierten ihn dazu, für seine Kunst am Bau auf ein alltägliches Behältnis der heutigen Zeit zurückzugreifen: die PET-Flasche. Mayr begann mit den Plastikflaschen zu experimentieren. Er nahm Abdrücke vom Boden und entdeckte, dass dieser einer Blüte gleicht. Dreizehn verschiedene Flaschenböden sollten sich schließlich auf der Fassade wiederfinden. Mayrs Anspruch war es, die verschiedenen Flaschenbodenmotive über die Fassade zu verteilen, ohne sie plump aneinanderzureihen. Also wandte er sich an Urs B. Roth, seinerseits Architekt, Mathematiker und Künstler. Er entwickelte ein mathematisches Verfahren für das Verteilschema, das jeder Blüte anhand eines Punktegitters ihren genauen Platz an der Fassade zuweist.

Anschließend galt es, das von Roth ausgeklügelte Streumuster mit Mayrs Motiven zusammenzubringen und eine Form für die Fassade anzufertigen. Die vom Künstler ausgewählten PET-Flaschen wurden zu RECKLI nach Herne geschickt. Weil die Blüten bis zu 45 Millimeter aus der Fassade herausragen, konnte man die Negativabdrücke für die elastischen Strukturmatrizen nicht wie üblich mit der CNC-Maschine aus MDF-Platten herausfräsen. Deshalb nahm sich Volker Urmoneit, Leiter der hauseigenen Modellbauabteilung, der Sache persönlich an und fertigte eigenhändig Abdrücke. Die so entstandenen Positive wurden auf die MDF-Platte montiert. »Unserer hochpräzisen CNC-Maschine oblag bei diesem Projekt lediglich die millimetergenaue Bohrung zur manuellen Anbringung der Kunststoffblüten«, sagt Urmoneit.

Im Anschluss wurden die individuellen Modelle hergestellt, in denen die Matrizen dann mit Elastomeren gegossen wurden. Aus Kostengründen sollten pro Geschoss des Museums nur drei miteinander kombinierbare Hauptmatrizen und die für Ecken und Laibungen benötigten Zusatzmatrizen zum Einsatz kommen. 

Während RECKLI in Herne an den Matrizen feilte, entstand in Bregenz ein drei mal drei Meter großer Musterraum. »Darin wurden Probegüsse vorgenommen, um die richtige Betonmischung für ein optimales optisches Ergebnis zu finden«, erzählt Architekt Abbrederis. »Die größte Herausforderung war es, die Luft aus dem frisch eingefüllten Beton zu bekommen.« Das war deshalb so wichtig, weil die Betonfassade vor Ort stehend gegossen werden sollte.

Bauherren, Architekten und Künstler wünschten sich eine fugenlose Fassade, um die ungewöhnliche Struktur voll zur Geltung zu bringen. Hätte man die einzelnen Fassadenteile horizontal gegossen, wären stets Anschlussfugen entstanden. Die stehende Verarbeitung im Ortbeton garantierte ein optisch perfektes Ergebnis, barg aber auch ein Risiko: Es kam bei der Matrize besonders darauf an, dass die Kanten zwischen den Blüten und der Betonfläche genauestens ausgeformt waren. »Es war schon beeindruckend, wie exakt das von RECKLI umgesetzt wurde«, so Abbrederis. 

 

Nach langer Vorbereitung mit zahlreichen Probegüssen war die optimale Betonmischung gefunden: ein sehr zähflüssiger, selbstverdichtender Beton. Die zwei mal sechs Meter großen Matrizen wurden vor Ort eingeschalt, anschließend goss das beteiligte Bauunternehmen die 17 Zentimeter dicke Betonscheibe für die Fassade.

Stück für Stück entstand so auf einer Fläche von 1300 Quadratmetern ein Meer von 16.656 Betonblüten. Die kunstvolle Fassade des Bregenzer Landesmuseums schlägt eine Brücke von der Römerschale aus Ton zu Plastik-Konsumartikeln der Neuzeit. Das Projekt wurde im Juli 2014 mit dem ›best architects award‹ in Gold ausgezeichnet.

ARCHITEKTEN

Cukrowicz Nachbaur &Architekten ZT GmbH Bregenz | Österreich

FASSADENHERSTELLUNG

Manfred Alois Mayr Bozen | Italien

Landesmuseum Bregenz & Schertler-Alge GmbH Lauterach | Österreich

Hilti & Jehle GmbH Feldkirch | Österreich

Rhomberg Bau GmbH Bregenz | Österreich

Jäger Bau GmbH Schruns | Österreich

KUNST AM BAU

Manfred Alois Mayr Bozen | Italien

INDIVIDUALMATRIZEN

RECKLI GmbH Herne | Deutschland

Fotos: Adolf Bereuter für für Cukrowicz Nachbaur Architekten & BetonBild 

 

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