HAUS DER KÜNSTE

 

Beim 2 Girls Building in Melbourne verschwimmen die Grenzen zwischen Architektur und Kunst – für den Betrachter, aber auch für die Beteiligten.

Das 2 Girls Building in Melbourne denkt Kunst am Bau neu. Ein künstlerisch inszeniertes Porträtfoto zweier Mädchen erstreckt sich über die Glasfront des Gebäudes. Das Muster der Tapete im Bildhintergrund wird mittels strukturiertem Beton auf der Fassade fortgesetzt. Die abgebildete Lampe wird zum dreidimensionalen Objekt, das aus dem Bild herauswächst und als tatsächliche Beleuchtung dient. Skulptur, Struktur und Optik sind im 2 Girls Building auf eine Art vereint, die Kunst und Architektur verschmelzen lässt.

Das Gebäude ist der Hingucker in Abbortsford, einem industriell geprägten Stadtteil von Melbourne. Das Viertel ist Heimat der Carlton and United Brauerei, die oft einen Malzgeruch in den Straßen verströmt. Viele Industriebauten des aufstrebenden Stadtteils sind in den vergangenen Jahren in Wohnimmobilien umgewandelt worden; die Immobilienpreise sind seit der Jahrtausendwende im Aufwind. Der urbane Entwurf des 2 Girls Building verweist auf die großzügigen Industriebauten und bildet äußerlich dennoch einen starken Kontrast zu den umgebenden Gebäuden. Flankiert von hübschen Wohnhäusern überblickt das 2 Girls Building den gegenüberliegenden Sportplatz und die angrenzende Schule.

Auftraggeber Domain Hill legte Wert darauf, eine hochwertige Wohnimmobilie zu entwickeln, die auch optisch ein Zeichen setzen sollte. Dafür sollte die Fassade mithilfe einer Fotografie auf Glas gestaltet werden. Hill bat die Architekten um den Einsatz von DigiGlass, an dessen Herstellerfirma er zu 50 Prozent beteiligt ist.

 


Der Betrachter wird beinahe verschlungen

 

Mit der Vorgabe für das Baumaterial der Fassade musste Architekt Billy Kavellaris vom australischen Büro Kavellaris Urban Design (KUD) den Entwurf kreativ denken. Man entschied sich dafür, ein Werk der australischen Künstlerin Samantha Everton auf die Fassade zu bringen. Die Wahl fiel auf das Bild Masquerade aus Evertons Serie Vintage Dolls, das die beiden Töchter des Entwicklers zeigt. Die Mädchen sitzen in einem Zimmer mit opulent verzierter Tapete und dekorativem Teppich, neben ihnen eine Standleuchte und eine Kommode. Eines der Mädchen sitzt auf einem Dreirad, ihre Schwester auf einer metallenen Bank, den Kopf in einer Voliere, zwischen beiden ein präparierter Vogel.

Fotografin Samantha Everton erzählt, dass sie sich nach der Wahl ihres Bildes sehr geehrt fühlte. Gleichzeitig sei sie besorgt gewesen, ob die Transformation des zweidimensionalen Fotos in eine dreidimensionale Struktur gelingen könnte. »Meine Kunst ist gerade groß genug, um das Sichtfeld des Betrachters auszufüllen und ihm das Gefühl zu geben, als könne er in das Bild hineinsteigen. Das 2 Girls Building hat diesen Ansatz auf ein neues Level gehoben«, so Everton. Der Betrachter wird beinahe verschlungen von der Größe und den diversen Ebenen des Bildes, die durch den Einsatz von Glas und Beton noch verstärkt werden.

Dafür musste das Bild so verändert werden, dass Foto und Gebäude-Leinwand miteinander verschmelzen konnten. »Das nahm Masquerade aus dem originalen Kontext und erforderte großes Feingefühl, um die Integrität des Bildes und seine Intention zu erhalten während es eine neue Form annahm«, sagt Everton. Gespräche mit Kavellaris zerstreuten ihre Sorge, ob das gelingen könnte: beide haben ein genaues Auge fürs Detail.

 


Die Fassade als Teil des Bildes

 

Die DigiGlass-Technologie sorgt für den besonders realistischen, farbintensiven Effekt des Bildes. Dafür wird das Farbfoto in hoher Auflösung zwischen zwei Platten Sicherheitsglas eingeschlossen. Das Foto erstreckt sich über 185 Quadratmeter Fassadenfläche und ist auf 36 Glasfelder aufgeteilt, die vor Ort nahtlos aneinandermontiert wurden.

Ausgehend von der Vorgabe der photographischen Fassade entwickelte sich der Entwurf interdisziplinär weiter. Für Architekt Billy Kavellaris war schnell klar, dass die Fassade das Foto nicht nur einrahmen, sondern Teil des Bildes werden sollte. Er wollte Kunst und Architektur in einem Medium vereinen.

Der erste Schritt war die Tapete. Ihr Muster sollte auf der Betonoberfläche der Fassade fortgesetzt werden. Dafür musste der Beton strukturiert werden. KUD schickte eine 2D-CAD-Datei mit dem individuellen Muster der Tapete an RECKLI. Die Techniker in Australien wandelten das File in eine Datei für die CNC-Fräse um und fertigten ein Modell 500 mal 500 Millimeter mit einer 10 Millimeter tiefen Struktur und zehnprozentiger Verjüngung. Die Tiefe der Struktur und die Verjüngung war Kavellaris besonders wichtig, um einen Schatten-Effekt zu erzeugen. RECKLI lieferte schließlich vier individuelle Matrizen mit der zehn Millimeter tiefen Struktur an den Fertigbetonbauer SA Precast. Die fertige Fassade beeindruckt mit dem nahezu nahtlosen Anschluss des Strukturbetons an die DigiGlass-Fläche.

Im zweiten Schritt stellte Kavellaris Foto-Glas und Strukturbeton ein drittes Material zur Seite: Der oberste Teil des Gebäudes wurde mit Vitrapanelen verkleidet, auf denen schwere rote Vorhänge abgebildet sind, die das Muster der Standleuchte aufgreifen. Als dritten Schritt beschlossen Everton und Kavellaris, die abgebildete Stehleuchte zum integralen Bestandteil des Gebäudes zu machen. Im fertigen Entwurf wächst die Lampe aus dem Bild heraus und wird zum dreidimensionalen Gebilde. Die integrierte Beleuchtung fungiert als Lampe, die das Gebäude in der Dunkelheit anstrahlt und dem Foto eine neue Atmosphäre verleiht. »Ich liebe die Art, wie die Lampe Masquerade erweitert. Sie verbindet das Bild wirklich mit dem Gebäude«, sagt Everton.

 


Ein ganzheitlicher künstlerischer Ansatz

 

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Architekt und Künstlerin ließ die Grenzen ihrer Professionen verschmelzen. Everton sieht die Gemeinsamkeiten in der Art, wie das Projekt als Ganzes dirigiert wird. In Kunst und Architektur müsse man jeden Aspekt der technischen Ausführung und künstlerischen Leistung verstehen und sie in Einklang bringen können, sagt sie. »Der Architekt wird zum Künstler und umgekehrt«, fasst Kavellaris das Projekt zusammen. Das Ergebnis ist in seinen Augen ein neues Medium. Ein Kunsthaus.

Das Innere fühlt sich bereichsübergreifend wie eine Galerie an: Bis zu drei Meter hohe Decken, zweieinhalb Meter weite Flure und Treppenhäuser, die als Ausstellungsrundgang durch das Gebäude führen. Besonders die weiten Flure verleihen dem Gebäude die Atmosphäre einer luxuriösen Galerie. Polierter Beton, Holz, Glas und Stahl definieren den Look. Die Galeriewände präsentieren die Werke lokaler Künstler und trennen den Gewerbebereich im Unterschoss vom privaten Bereich darüber. Ein Teil des Innenbereichs ist mit einer Tapete gestaltet, deren Muster der Tapete auf Evertons Foto ähnelt.

Das Konzept großzügiger und lichtdurchfluteter Flächen findet sich sowohl in den Büros und Lagerflächen als auch in den 15 Apartments und 15 zweigeschossige Lofts, die im oberen Bereich des Hauses angelegt sind. Jede Wohneinheit verfügt über einen Balkon, die Lofts über eine Dachterrasse. Sichtbetondecken, klare Linien, und Hell-Dunkel-Kontraste erzeugen eine moderne Wohnatmosphäre. Die elegante und hochwertige Ausführung im Inneren und das spektakuläre Äußere machen das 2 Girls Building schon jetzt zu einem Wahrzeichen von Abbotsford. Masquerade ist zur Haut des Gebäudes geworden. »Bild und Gebäude sind eins und existieren nicht länger als voneinander unabhängige Einheiten«, so Everton. »Sie bedeuten nichts ohne einander.«

 

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