Reckli GmbH
In den 90er-Jahren stellt sich RECKLI strukturell anders auf, um sich unternehmerisch weiterzuentwickeln. Die Bauprojekte nehmen neue Größenordnungen an.
„Reißen Sie diese Mauer nieder“ ruft US-Präsident Ronald Reagan 1987 bei seinem Berlinbesuch an den russischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow gerichtet. Zwei Jahre später endet der Kalte Krieg tatsächlich, Ost- und Westdeutsche tanzen in der Nacht des 9. November gemeinsam auf der Berliner Mauer. Mit dem Fall der Mauer steht die deutsche Wirtschaft vor einer großen Herausforderung: Die früheren Ostgebiete müssen wirtschaftlich integriert, Eigentumsverhältnisse geklärt und Abwicklungen durchgeführt werden.
Westliche Bauunternehmen und Zulieferer wie RECKLI stehen unmittelbar nach dem Mauerfall vor der Herausforderung, in einer sich wirtschaftlich umwälzenden Region mühsame Aufbauarbeit zu leisten. RECKLI rekrutiert direkt zwei Mitarbeiter, die Kontakte zur regionalen Baubranche knüpfen, doch vorerst fließt das Geld der neuen Bundesbürger in Konsumgüter statt Infrastruktur.
Das Unternehmen aus Herne reagiert auf die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Ostdeutschland mit Geduld – Hans-Jürgen Wiemers und Franz Ernst wissen selbst, dass strukturelle Veränderungen große Umwälzungen nach sich ziehen. 1988 entscheiden die Firmengründer, RECKLI an die heute als Innotec TSS AG firmierende Holding zu verkaufen. Die RECKLI KG nimmt eine neue Rechtsform an und wird zur GmbH. Wiemers und Ernst ziehen sich aus der aktiven Geschäftsleitung zurück und übertragen die Geschäftsführung dem langjährigen Mitarbeiter Horst Kosjak.
Der Schritt bricht bewusst mit der bisherigen Geschäftsstrategie: Wiemers und Ernst hatten RECKLI mit hoher Risikoaversion und stetem Sicherheitsbedürfnis stets in sicherem Fahrwasser gehalten. Sie erkannten aber auch, dass sich das Wachstum des Unternehmens damit langsamer als nötig entwickelte. Stärkeres Wachstum ging mit höherer Risikobereitschaft einher. Wiemers und Ernst machen einen Schritt zur Seite, damit eine neue Geschäftsleitung RECKLI in eine neue Zeit führen kann.
Das Unternehmen hält an seinen Grundprinzipien von Qualität und Nachhaltigkeit fest. Doch unter der Ägide der Muttergesellschaft werden jetzt auch Preiskämpfe ausgefochten, damit RECKLI stärker wachsen und in neue Märkte expandieren kann. So stößt der Mittelständler aus Herne in bisher unbekanntes Gebiet vor: Millionenaufträge.
Zum ersten Meilenstein wird der Car Park Medina in Saudi Arabien. Für die jährlich in Scharen anreisenden Pilger wird ein Parkhaus errichtet. Der Architekt wünscht sich Decken, die den abgehängten Stoffdecken in Wüstenzelten gleichen sollen. Um den Effekt im Beton zu erzeugen, kreiert RECKLI Matrizen mit einer Größe von 2,50 x 24 Meter. Der indische Architekt, niederländische Hydraulik-Spezialisten, ein Stahlschalungslieferant aus Malaysia und die deutschen RECKLI-Spezialisten führen in Malaysia einen erfolgreichen Probeaufbau durch. Nach dem Test wird in London über den Auftrag verhandelt. Zunächst stehen die Zeichen auf Ablehnung: Noch während der Verhandlungsrunde erhält Horst Kosjak einen Anruf von den deutschen RECKLI-Verhandlungsleitern, weil die Auftraggeber den Preis kritisierten. Eine Woche später wird der neue Mut jedoch belohnt: RECKLI bekommt den Zuschlag und beginnt mit der Produktionsvorbereitung. Nach insgesamt eineinhalb Jahren von Planung bis Fertigstellung schließt RECKLI das Projekt mit 1,4 Millionen DM Auftragsvolumen ab.
Es folgen weitere Großprojekte mit technischen Herausforderungen wie bei der Kreuzblume der Kölner Domplatte oder dem Bau der Offenbacher City-Trasse. Für die U-Bahn-Stationen planen die Architekten mit gewölbten Decken, die ebenso wie die Wände mit einer rauen Oberflächenstruktur versehen werden sollen. Um zeitlich effizient und budgetsparend zu arbeiten, soll die Struktur direkt in den frischen Beton geprägt werden, weshalb sich die Architekten für den Einsatz von RECKLI-Matrizen entscheiden. Es ist das erste Mal, dass Schalungsmatrizen im Tunnelbau eingesetzt werden, noch dazu auf gewölbten Oberflächen. Die RECKLI-Schalungseinlagen bewehren sich mit Bravour. Kurz vor Anbruch des neuen Jahrtausends hat sich das Herner Unternehmen zukunftsweisend aufgestellt und blickt neuen Herausforderungen mit gewohntem Innovationsgeist und der ihm eigenen Hartnäckigkeit entgegen.

