Wenn die Fassade zum eigenen Thema wird

 

Das Büro zanderroth architekten wurde 1999 in Berlin gegründet. Sascha Zander und Christian Roth machten sich einen Namen mit modernem, innovativem und zugleich kostengünstigem Wohnungsbau. Aber auch Plattenbauten und öffentliche Gebäude wie Schulen entwickeln sie mit ungewöhnlichen Konzepten weiter. Mit FORMLINER sprach mit Christian Roth.

 

Sie haben in Berlin viele Gebäude in Baulücken geplant und umgesetzt. Was macht Ihnen bei diesen Verdichtungsprojekten besonders Spaß?

Das Spannende ist der Ort. Es bedarf immer einer anderen Lösung. Die Bedingungen, die ein Ort stellt, sind unterschiedlich: die Nachbargebäude, die Straßen oder die Ausrichtung. 

Berlin wächst. Hält der Zuzug der letzten Jahre an, leben bald vier Millionen Menschen in der Hauptstadt. Es fehlen Wohnungen. Der Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel sagte kürzlich in einem Interview: „Was wir jetzt brauchen, ist Menge in kurzer Zeit“. Wie denken Sie darüber?

Da wird er vermutlich Recht haben. Ich sehe aber als problematisch an, wie es gerade umgesetzt wird. Die Wohnungsbaugesellschaften haben vom Senat den Auftrag, Wohnungen zu bauen, und zwar bestimmte Stückzahlen im Jahr. Die Umsetzung entbehrt jedoch häufig architektonischer und städtebaulicher Qualität. Das ist schade. Auch wenn gerade Wohnungen fehlen, werden die neuen Gebäude doch lange Zeit das Stadtbild prägen. Es wäre wünschenswert, dass das mit mehr Sorgfalt gemacht würde. 

 

Wie lange kann man in Berlin noch verdichten, ehe man einen anderen Kurs einschlagen und neue Großsiedlungen und Wohngebiete planen muss?

Eigentlich gibt es noch viele Möglichkeiten, aber es geht eben immer weiter nach draußen. Die beliebten innerstädtisch gelegenen Viertel kommen hinsichtlich der Nachverdichtung so langsam an ihre Grenzen.

 

Als ich gestern vor unserem Interview durch Berlin gefahren bin und Gebäude von Ihnen angesehen habe, dachte ich mir, dass Sie bestimmt einen anderen Blick auf die Stadt haben.

Ja, es gibt viele Stellen, wo man noch etwas entwickeln könnte. Zum Beispiel am S-Bahn-Ring. Ein interessanter Bereich, wo Stadt ein bisschen „abbröselt“. Und auch andere Ecken, wo Bauen nicht so einfach, aber doch möglich ist.

In der Linienstraße 89 in Berlin-Mitte steht eines Ihrer Häuser neben einem denkmalgeschützten, baufälligen Krankenhaus und links daneben grenzt es an einen Plattenbau. Ein spannender Ort.

Dort war die Besonderheit, dass der Bauträger eine optimale Ausnutzung des Grundstücks verlangt hat. Die Forderung nach möglichst vielen Quadratmetern mit Qualität im Inneren und Äußeren zu verbinden, war eine extreme Herausforderung. Hier liegt die Geschosshöhe teilweise nur bei 2,60 Metern. Da ist es nicht einfach, räumliche Großzügigkeit zu schaffen. Wir haben uns deshalb für ein Tetris-Modell entschieden: dreidimensionale Körper, die ineinander rasten.

Der Aufzug der Parkgarage an der Linienstraße erinnert ein bisschen an die umstrittenen Carlofts in Berlin Kreuzberg, ist aber genauer betrachtet doch das Gegenteil.

Der Aufzug spielte bei der Erschließung zwar eine wichtige Rolle, nur der Unterschied ist: Bei den Carlofts wird das Auto gefeiert, was wir ziemlich absurd finden. Für uns ist es etwas, mit dem man in der Stadt umgehen muss, eine Notwendigkeit. Und eigentlich ein Problem, das zu lösen ist. Das Auto parkt bei uns im Keller.

Bei dem Haus an der Schönholzer Straße 11 haben Sie mit einer Matrize von Reckli gearbeitet. Gab es sie schon, oder haben Sie sie gemeinsam entworfen?

Diese Vorlage gab es bereits. Reckli hat einen tollen Katalog, der mit endlos verschiedenen Sachen gefüllt ist. Es hat Spaß gemacht, dieses Bambusmotiv auszusuchen.

Gab es noch Alternativen?

Wir wollten auf jeden Fall etwas haben, dass das Horizontale der Bänder verstärkt, die um das Haus herum laufen. Deshalb haben wir uns für diese Struktur entschieden. Und lustigerweise gibt es gegenüber auf dem Platz auch einen Bambusgarten. Den haben nicht wir geplant, aber ein Landschaftsarchitekturbüro, mit dem wir zusammenarbeiten. 

Mit welchem Beton haben Sie die Fassade gestaltet?

Mit leichtverdichtendem Beton.

War die Verarbeitung schwierig?

Erst war es aufwändig, dann ging es einfach. Bei der Verarbeitung von hochtechnischen Betonen muss man bestimmte Dinge berücksichtigen. Wir haben sechs Muster gießen lassen, die alle schief gegangen sind und haben eine Weile gebraucht, herauszufinden, woran das eigentlich lag.

Was war der Grund?

Nun, es war zuviel Wasser im Beton. Im Betonmischer befanden sich noch zwei, drei Liter Wasser vom Reinigungsvorgang. Die Mischung ist sehr sensibel und diese Menge war schon zuviel. Das mussten wir lernen. Dann bestellten wir einen Betontechnologen vor Ort, der die Ausbreitprobe und die Ausführung überwachte. Als wir das herausgefunden hatten, ging es relativ einfach.

Wie muss man sich die Verarbeitung vorstellen?

Die Matrizen wurden einfach auf die Schalung geklebt. Dann wurde Beton eingefüllt. So wurde ein Relief horizontal liegender Bambusrohre in den Beton geprägt. Später konnte die Schalung inklusive der Matrize weiterverwendet werden.

An einer Schule im brandenburgischen Schulzendorf haben Sie an einer Fassade etwas ganz Neues ausprobiert: Sie besteht aus geflochtenen und imprägnierten Weidenästen, die Sie mit Hilfe eines bayerischen Korbflechters entworfen haben. Wie entwickelt man zusammen eine Fassade?

Bei Projekten wie der Schule kann die Fassade ein neues Thema sein. Das Gebäude war kein kompletter Neu-, sondern ein Erweiterungsbau. Vorher stand da ein Plattenbau in der Form eines H’s, da haben wir noch Baukörper rangesetzt. Die Aufgabe der Fassade war es in dem Fall, eine Einheit zu schaffen: den Alt- und Neubau zusammenzufügen. Wie das im Team passiert, ist schwer zu sagen. Es ist oft so: Jemand hatte am Anfang eine Idee - und am Ende weiß keiner mehr genau, wer es eigentlich war. Bei der Schule konnte die Fassade zum eigenen Thema werden, beim Wohnungsbau ist das manchmal schwieriger. 

Wieso?

Im Wohnungsbau ist es oft so, dass man ein Gebäude von innen heraus entwickelt. Die Struktur entsteht meist stark aus den Grundrissen und Schnitten. Es passiert häufig, dass man am Ende davor steht und sagt: Jetzt muss es aber auch noch aussehen. Trotzdem finde ich eine Sache erstaunlich ...

Welche denn?

Mir fiel auf, dass wir schon viele Betonfassaden gestaltet haben, obwohl es beim Wohnungsbau fast ausschließlich um Kosten geht. Es ist toll, dass man mit Beton Fassaden gestalten kann, die gar nicht so teuer sind. Man kann außergewöhnliche und günstige Fassaden in Beton entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch.

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