Erweiterungsbau Bündner Kunstmuseum, Chur, Schweiz
Ein moderner, kubischer Baukörper neben einer reich verzierten historischen Villa: Beim Erweiterungsbau des Bündner Kunstmuseums in Chur haben die Architekten Barozzi Veiga eine subtile Verbindung zwischen Alt und Neu geschaffen. Entscheidend dafür ist die reliefartige Betonfassade, deren geometrisches Ornament die Gestaltung des historischen Stammhauses auf zeitgemäße Weise aufgreift.

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ProjektErweiterungsbau Bündner Kunstmuseum
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OrtChur, Schweiz
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Nutzung
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Architekturbüro
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Eine Erweiterung mit eigener Identität und Charakter
Eindrucksvoll erhebt sich der graue Würfel über den Platz an der Bahnhofstraße in Chur. Seine klaren Linien und sein massives Volumen bilden einen deutlichen Kontrast zur benachbarten Villa Planta, dem historischen Stammsitz des Bündner Kunstmuseums. Dennoch stehen die beiden Gebäude nicht in Konkurrenz zueinander. Vielmehr gelingt es dem Architekturbüro Barozzi Veiga, dem Neubau eine eigenständige architektonische Sprache zu verleihen und zugleich eine gestalterische Verbindung zum Bestand herzustellen. »Wir wollten eine Erweiterung mit eigener Identität und Charakter«, beschreibt Alberto Veiga den Entwurfsansatz.
Die Villa Planta wurde zwischen 1874 und 1876 nach den Plänen des Architekten Johannes Ludwig für den Baumwollindustriellen Jacques Ambrosius von Planta errichtet. Inspiriert von venezianischen Palladios und orientalischen Baustilen, zeichnet sie sich durch einen reichen Fassadenschmuck, sphinxähnliche Skulpturen und ein überkuppeltes Atrium aus. Als 2011 ein internationaler Wettbewerb für einen neuen Erweiterungsbau ausgeschrieben wurde, setzten sich Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga mit einem Entwurf durch, der die historische Architektur aufgreift, ohne sie zu imitieren.
Das Ornament als verbindendes Element
Die intensive Auseinandersetzung mit der Villa Planta wurde zum Ausgangspunkt für die Gestaltung des Neubaus. »Es ist eine sehr interessante Kopie eines Palladios, im Inneren voller Ornamente. Die Idee des Ornaments war allgegenwärtig in Chur«, erklärt Veiga. Gemeinsam mit Barozzi suchte er nach einem gestalterischen Element, das dem schlichten Baukörper eine eigene Identität verleihen und gleichzeitig auf das historische Umfeld Bezug nehmen sollte.
Die Idee des Ornaments bedeutete, dem Entwurf das entscheidende Detail zuzufügen.
Während die kubische Grundform des Erweiterungsbaus früh feststand, entwickelte sich die Idee für die Fassade erst im weiteren Planungsverlauf. »Wir haben nach etwas gesucht, das den Entwurf bereichert und dabei zeitgemäß und modern ist«, so Veiga.
Das Ergebnis ist eine reliefartige Betonfassade, die aus zahlreichen sich wiederholenden quadratischen Kassettenelementen besteht. Erst bei genauerer Betrachtung zeigt sich die Komplexität der vermeintlich einfachen Geometrie: Jedes Element setzt sich aus drei unterschiedlich tief gestaffelten Vierecken zusammen. Das Quadrat findet sich dabei nicht nur in der Fassadengestaltung wieder, sondern auch in der Form des Baukörpers und der Geometrie der Innenräume.
Durch die plastische Struktur erhält die massive Fassade eine differenzierte Oberflächenwirkung. Zugleich schlägt das Ornament eine gestalterische Brücke zur historischen Villa, deren Architektur ebenfalls wesentlich von dekorativen Details bestimmt wird. »Ohne das Ornament würde das Volumen ganz anders wirken«, betont Veiga.


Von der Entwurfsidee zur Betonfassade
Die Umsetzung der anspruchsvollen Fassadengeometrie erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen den Architekten, dem Zürcher Ingenieurbüro Feroplan Engineering, dem Betonwerk Sulser und RECKLI. Insgesamt wurden fünf verschiedene Fassadendesigns erprobt, bevor die endgültige Gestaltung feststand. Von der ersten Idee bis zur fertigen Fassade vergingen 36 Monate.
Den ersten Kontakt zu RECKLI gab es im Januar 2014 auf der Baumesse Swissbau. Dort wandte sich ein Ingenieur von Feroplan an RECKLI-Vertreter Elmar Pallasch mit der Frage, ob sich die geplanten Fassadenelemente mithilfe elastischer Matrizen herstellen ließen.
Da die Sulser AG bereits bei mehreren Projekten mit RECKLI zusammengearbeitet hatte und über umfangreiche Erfahrung in der Herstellung von Polyurethan-Sonderformen verfügte, wurde die Fertigung der Matrizen direkt in der Schweiz umgesetzt. RECKLI lieferte dafür das benötigte PUR-Elastomer, während Sulser die Formen selbst herstellte.
Nach ersten Modellen aus Gips und Holz fertigte Sulser in der eigenen Schreinerei die Urform des Fassadendetails. Auf dieser Grundlage entstanden die Abgussformen für die Betonfertigteile. Ab Mai 2016 lieferte RECKLI das benötigte Material in mehreren Chargen an das Schweizer Betonwerk.
Eine besondere Herausforderung stellte die präzise Abbildung der dreifach gestaffelten Quadrate dar. Um die gewünschte Reliefwirkung zu erzielen, mussten die Matrizen eine Tiefe von beinahe acht Zentimetern aufweisen. Zur Verstärkung wurde Holz in die Matrizen eingegossen, um die komplexe Geometrie exakt wiedergeben zu können.
Ebenso entscheidend war die Maßgenauigkeit der einzelnen Formen. Nur so ließen sich die Kassettenelemente später mit gleichmäßigen Abständen und ohne sichtbare Verschiebungen in den Beton übertragen. Im Sommer 2016 konnten die fertigen Betonelemente schließlich ausgeliefert und vor Ort montiert werden.
Die Zeit verändert Leben und Gebäude
Die fertiggestellte Fassade entfaltet je nach Licht- und Witterungsverhältnissen eine unterschiedliche Wirkung. Im Laufe des Tages erzeugt der wechselnde Sonnenstand ein lebendiges Schattenspiel auf den abgestuften Quadraten, das die Tiefe des Reliefs besonders hervorhebt. Auch Regen und natürliche Verwitterungsprozesse hinterlassen auf jeder Gebäudeseite unterschiedliche Spuren und verändern so im Laufe der Zeit allmählich das Erscheinungsbild.
Für Barozzi Veiga sind diese Veränderungen keine unerwünschten Begleiterscheinungen des Alterungsprozesses, sondern ein fester Bestandteil des architektonischen Konzepts. Das Zusammenspiel von Licht und Wasser lässt Besucher*innen und Passant*innen das Gebäude immer wieder neu erleben, während jede Fassadenseite mit der Zeit ihren ganz eigenen Charakter entwickelt.
Veiga sagt:
Zeit verändert unser aller Leben und genauso verändert es ein Gebäude.
Der Alterungsprozess ist für Barozzi Veiga kein unvermeidbarer Prozess, der nach dem Bau einsetzt, sondern wichtiger Bestandteil ihres Entwurfs.

Zurückhaltender Innenraum
Während die ornamentale Außenfassade den Dialog mit der historischen Villa sucht, zeigt sich das Innere des Neubaus bewusst zurückhaltend. Ein Treppenhaus aus grauem Sichtbeton verbindet die weißen Ausstellungsräume, deren reduzierte Gestaltung den Kunstwerken den notwendigen Raum gibt. Über eine schmale Treppe gelangen die Besucher schließlich in die reich ausgestatteten Räume der Villa Planta.
So entsteht ein Zusammenspiel zweier unterschiedlicher Architekturen, die sich gegenseitig ergänzen. Die reliefartige Betonfassade übernimmt dabei eine zentrale Rolle: Sie verleiht dem monolithischen Neubau eine fein gegliederte Oberfläche und schafft zugleich eine Verbindung zum historischen Bestand. Mithilfe der individuell gefertigten Polyurethan-Matrizen konnte die komplexe Fassadengeometrie präzise in Beton umgesetzt werden.
Damit haben die Architekten ihren gestalterischen Anspruch verwirklicht:
Wir wollten Beton in einer anderen Form zeigen.



